In den Sozialwissenschaften lassen sich seit dem 19. Jahrhundert zwei grundlegende Denkrichtungen unterscheiden, die auch in der Sozialen Gerontologie wirksam sind. Die eine begreift Wissenschaft als Form gesellschaftlicher Selbstbeobachtung, wie sie etwa in der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns angelegt ist. Die andere erhebt demgegenüber ausdrücklich den Anspruch, kritische Gesellschaftstheorie zu betreiben. Sie zielt nicht allein darauf, gesellschaftliche Verhältnisse zu beschreiben und zu analysieren, sondern auch darauf, praktische Veränderungen anzustoßen oder zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund gibt es in der Sozialen Gerontologie eine Reihe von Ansätzen, die sich nicht als affirmativ, sondern als gesellschaftskritisch verstehen und den Anspruch formulieren, Lebensverhältnisse im Alter grundlegend zu verbessern. Diese teils sehr unterschiedlichen Ansätze werden unter dem Begriff Kritische Gerontologie zusammengefasst. Doch welche Form von Kritik üben sie aus, und welches Verständnis von Kritik liegt ihnen jeweils zugrunde? Die Veranstaltung führt anhand sozialphilosophischer und soziologischer Überlegungen, ausgewählter Ansätze der Kritischen Gerontologie sowie praktischer Beispiele in die Thematik kritischer Sozialwissenschaft ein. Dabei werden verschiedene Formen der Kritik vorgestellt, systematisch unterschieden und näher untersucht. Exemplarisch wird zudem das Kritikverständnis kritischer gerontologischer Ansätze analysiert und selbst einer kritischen Prüfung unterzogen. Ziel ist es, ein transzendierendes Kritikverständnis zu entwickeln, das sozialphilosophisch reflektiert ist und kontextübergreifend auf Lebensformen und Lebensalter angewendet werden kann.